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Kaffee ABC - L steht für Labels (und Zertifikationen)

Coffee ABC - L is for Labels (and Certifications)

Wusstest du, dass Kaffee 1988 das erste Produkt war, welches als "Fairtrade" (damals noch bekannt als "Max Havelaar") zertifiziert, vermarktet und verkauft wurde? Fast 40 Jahre später sehen wir uns in unserem Alltag umgeben von allerlei Labels und Gütesiegeln. Vielen von uns helfen diese Sticker bei unseren Einkaufsentscheidungen, aber wissen wir wirklich, was dahintersteckt? Wir als Rösterei werden immer wieder auf solche Labels angesprochen (Ist dieser Kaffee fair? Ist der Kaffee bio?) und auch wenn wir keine Expertinnen in der Sache sind, lohnt sich ein genauer Blick auf das Thema.

Wir schauen, um was es bei den gängigsten Labels geht, weisen auf ein paar weniger bekannte Zertifikationen hin und was das alles für die verschiedenen Schritte und Player in der Wertschöpfungskette bedeutet. Zu guter letzt reden wir noch darüber, wo sich Specialty Coffee innerhalb der ganzen Labels befindet und was für bzw. gegen Zertifikationen spricht.

Zertifiziert werden

Damit man ein bestimmtes Label auf ein Produkt kleben darf, braucht es mehr als einfach alles "gut" und "richtig" im Anbau zu machen. Einerseits muss der produzierende Betrieb innerhalb den im Label geforderten Richtlinien arbeiten und sich entsprechend von einer Drittpartei in deren Auftrag kontrollieren (also zertifizieren) lassen. Wenn das Produkt danach noch weiterverarbeitet wird (hierzu zählt auch umpacken), muss jeder folgende Betrieb, welcher das Label mittragen will, sich ebenfalls kontrollieren und zertifizieren lassen. Im Beispiel von Röstkaffee muss die produzierende Farm zertifiziert sein, der Grünkaffeehändler sowie die Rösterei. Finanziert wird diese Zertifizierung durch jede Partei, welches das entsprechende Label verwenden möchte. Dies ist bei allen Gütesiegeln, welche weltweit anerkannt sind zumindest ähnlich.

Gängige Labels

Bio (oder im englischsprachigen Raum "organic") ist das wohl geläufigste Label, welchem wir täglich und fast überall begegnen, sei dies im Supermarkt, im Restaurant oder Hotel sowie bei den Kosmetika und der Bekleidung.

Beim Kaffee geht es darum, dass schädliche Substanzen in Pestiziden und Düngern vermieden werden, keine genveränderten Organismen zum Einsatz kommen und im Allgemeinen vorbildliches Handeln im Umgang mit Mensch und Tier. Die genauen Richtlinien befinden sich in der Regel in einem Gesetz oder einer Verordnung (welche die praktische Ausführung eines Gesetzes regelt); in der Schweiz ist dies die "Bio Verordnung". Festgelegt wurde das Gesetz zwar durch Volk und Parlament, für die Zertifizierung sind jedoch (private) Kontrollstellen wie bio.inspecta, Ecocert Swiss, ProCert und BTA zuständig.

Sich zertifizieren zu lassen kommt auch mit zusätzlichem Aufwand, welcher sich für einen Betrieb nicht unbedingt lohnt: Damit zum Beispiel eine Rösterei ihren Kaffee als "Bio" verkaufen darf, reicht es nicht, bio-produzierten (und zertifizierten) Rohkaffee einzukaufen und diesen zu rösten. Die Rösterei muss ebenfalls nach den Richtlinien der Bio Verordnung arbeiten, was zum Beispiel getrennte Lager für "bio" und "nicht-bio" Rohkaffee bedeutet und auch, vor dem Rösten von bio Kaffee die Röstmaschine mit einer Charge Bio-Kaffee zu "reinigen", diesen aber nicht als bio zu verkaufen. Solche Vorgaben halten einige Röstereien davon ab, ihren Kaffee unter dem Bio-Label zu verkaufen. Oder sie setzen dann ganz auf bio und müssen keine weitere Trennung vornehmen.

Fairtrade - früher unter dem Namen "Max Havelaar" bekannt - ist das zweite wirklich bekannte Label. Die Organisation setzt vornehmlich finanzielle Standards für allerlei Produkte von Bananen, Kakao/Schokolade und Baumwolle über Gold und Blumen bis zu Kaffee fest. Fairtrade garantiert einen existenzsichernden Mindestpreis für die unter dem Label verkauften Güter und legt einen zusätzlichen Betrag obendrauf. Fairtrade legt zwar Wert auf nachhaltige Landwirtschaftspraktiken, fokussiert aber vor allem auf wirtschaftliche Stabilität.

Gegründet wurde Max Havelaar auf Initiative von mexikanischen Kaffeefarmern, welche zusammen mit einem niederländischen Pastor einen fairen, stabilen Preis ihrer Kaffeebohnen gefordert haben. In der Zwischenzeit hat sich der Name zu Fairtrade geändert und umspannt ein weltweites Netzwerk von Produzentengruppen, Organisationen und Produkten. Sie haben auch den Begriff "fairen Handel" - wirtschaftliche Begegnungen und auf Augenhöhe und entsprechende Wertschätzung - massgeblich geprägt.

Bird Friendly und Rainforest Alliance (zu welchem neuerdings auch die UTZ Zertifizierung gehört) sind zwei weitere im Kaffee angesiedelte Labels. Sie sind weniger prominent als die bereits erwähnten und fokussieren beide auf ganzheitliches Ausüben der Landwirtschaft - im Einklang mit Biodiversität, Natur und Gemeinschaft.

Daneben gibt es noch eine Vielzahl von Zertifikationen und Gütesiegeln, welche die Kaufentscheidung mit einem Blick vereinfachen sollen. Jedes Label hat seine eigene Berechtigung und deshalb sollte man sich noch vor dem Vertrauen auf den entsprechenden Sticker im Klaren sein, welche Anliegen für einen persönlich wichtig sind. Dann kann man sich gut und einfach an Labels orientieren.

"Direct Trade" ist eine Art Label, ohne wirklich eines zu sein. Vielmehr beschreibt es die Art und Weise, wie eine Rösterei seinen Rohkaffee einkauft. Definiert wird der Ausdruck vom Verwender selbst und nicht durch eine neutrale Drittpartei. Es gibt auch keine genauen Vorgaben oder Richtlinien dazu, wie direkt der Einkauf ein muss. Welche Aufgaben darf eine aussenstehende Person übernehmen? Oder muss der Betrieb, welcher den Kaffee geröstet verkauft und den Begriff nutzt, die Finanzierung, die behördlichen Formalitäten, die Logistik vom Transport zum Verschiffungshafen über Containerbuchung und Lagerung sowie die Verzollung selbst intern erledigen? Oder reicht es, dass beide Parteien einander kennen bzw. der Produzent weiss, welche Rösterei seinen Kaffee verkauft?

Label oder doch nicht

In unserem Alltag hat beinahe jedes Produkt mindestens ein Label oder Gütesiegel. Und so hat sich, was als Vereinfachung der Einkaufsentscheidung begonnen hat, zu einer unübersichtlichen und verwirrenden Flut von Logos und Claims entwickelt. Die inflationäre Verwendung solcher Label leitet die Konsumenten auch etwas weg von dem, was sie "einfach mögen" hin zu einem bestimmten Anliegen oder Zweck.

Wichtig ist zu wissen, dass ein Produkt nicht automatisch besser ist, weil ein Sticker darauf klebt. Der Sticker weist lediglich darauf hin, dass die Firma, welche das Produkt verkauft, eine Drittpartei beauftragt und bezahlt hat, gewisse Richtlinien abzusegnen. Es spart den Konsumenten quasi die Mühe, sich persönlich von den Produktionsumständen ein Bild zu machen.

Man kann es sich so vorstellen: Wenn ich in meinem Garten Karotten anbaue und lediglich mit Wasser giesse, haben diese etwa so wenige "-zide" dran und drin wie Bio-Karotten, welche man im Supermarkt kaufen kann. Damit ich aber meine Karotten als "Bio" verkaufen darf, müsste ich eine Drittpartei mit der Kontrolle beauftragen und dafür bezahlen. Dass mir meine Karotten genauso gut schmecken wie die gekauften Bio-Karotten ist eigentlich logisch, auch wenn sie kein Gütesiegel haben. Und wenn ich ein paar meiner Karotten meinen Nachbarn schenke und die übers Jahr beobachtet haben, wie ich gearbeitet habe, wissen sie, dass keine schädlichen Substanzen dran sind. Es geht also um die Frage von Wissen und Vertrauen.

Specialty Coffee und Labels

Ich kann hier zwar nicht für die ganze Specialty Coffee Bewegung sprechen, aber im Grossen und Ganzen gehen die Praktiken innerhalb des Specialty Coffees über die von den einzelnen Labels definierten Anforderungen hinaus. Im Zentrum steht beim Specialty Coffee die Qualität (nicht die Quantität) und es wird sehr grossen Wert auf die Rückverfolgbarkeit und langfristige Partnerschaften gelegt. Damit die Qualität über Zeit hoch bleibt, bedarf es nachhaltiger Anbaumethoden, Förderung der Biodiversität und Pflege der Gemeinschaft. Produzenten von Specialty Coffee sind häufig gut gebildet und wissen genau um den Wert ihrer Produkte. So können sie auch den Preis verlangen, den sie dafür möchten. Die Konkurrenz unter den Käufern trägt dazu bei, dass es sicher jemanden gibt, der einen adäquaten Preis zu zahlen bereit ist.

Wenn die Qualität des Kaffees den Preis definiert und ein Absatz zu einem angemessenen Preis durch langjährige Partnerschaften gesichert ist, ist der Aufwand für eine bestimmte Zertifizierung vielleicht nicht die Kosten wert. Für eine Kleinbauernfamilie, welche neben anderen Produkten eine kleine Menge Kaffeekirschen zur nahe gelegenen Aufbereitungsstation bringt, lohnt sich eine Bio-Zertifizierung kaum, im Gegensatz zu einer grösseren Farm, deren Hauptfokus auf dem Kaffeeanbau liegt. Neben den finanziellen Kosten stehen manchmal auch wirtschaftliche Entscheidungsfreiheit einer Zertifizierung im Wege: Fairtade beispielsweise vergibt ihr Label lediglich an Kooperativen und so kann ein individueller Produzent sich nicht entsprechend zertifizieren lassen.

Alles in allem kann man sagen, dass jedes Label seine eigene Berechtigung und seinen Platz hat. Vor allem in Branchen, in welchen die Rückverfolgbarkeit mangelhaft ist, kann ein Label viel bewirken. Entscheidend ist bei jedem Label immer noch, dass man sich mit deren Richtlinien und Schwerpunkten sowie mit dem Produkt an sich und den Umständen dessen Herstellung auseinandersetzt. Hier schliesst sich der Kreis mit unserem Karotten-Beispiel: Wenn man das Produkt versteht und der Produzentin vertraut, kann man eine bewusste und befriedigende (Kaufs-)Entscheidung treffen.